28. Mai 2020

Medizin Interview doctorhelp.de

Chronische Schmerzen Interview Teil 2

Schmerz und Gesundheit doctorhelp.de
Interview Dr. Martin Krumbeck im Gespräch

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es denn?
In der modernen Schmerztherapie werden neben den Medikamenten eine ganze Reihe von Therapieverfahren eingesetzt, die auf eine ganzheitliche Behandlung des Menschen abzielen. Neben Spritzentherapie, Akupunktur, Infusionen und verschiedenen naturheilkundlichen Verfahren werden Krankengymnastik, physikalische Anwendungen, psychologische Therapien, Ergotherapie und sozialmedizinische Beratung angewandt. Man spricht dann von einer "Multimodalen Schmerztherapie".
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Das ist natürlich ein sehr großes Spektrum. Wie findet ein Patient da die richtige Therapie?
Ihre Frage suggeriert, dass ein chronisch Schmerzkranker mit einer "richtigen Therapie" zum Ziel kommen kann. Dies ist in aller Regel nicht so. Gerade die Kombination der Therapieverfahren ermöglicht oft erst eine deutliche Besserung.
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Ab wann empfiehlt sich denn eine stationäre Therapie?
Im Grunde ist eine frühzeitige Einbindung einer multimodalen stationären Schmerztherapie bei allen chronischen Schmerzerkrankungen sinnvoll. Zumindestens in unserem Gesundheitssystem ist eine ausreichende ambulante Versorgung mit den eben genannten Therapieverfahren und ihre Abstimmung untereinander nicht möglich. Natürlich ist die stationäre Therapie nur eine Phase, ein Baustein, der durch ambulante Therapieverfahren ausgebaut werden kann. Im Grunde merkt jeder Schmerzpatient selber, wann er ambulant sich nicht ausreichend betreut fühlt. Das ist der Moment, in dem er sich um eine stationäre Schmerztherapie bemühen sollte. Ich kann nur allen chronischen Schmerzkranken Mut machen, ihr bisher erreichtes Ergebnis in Frage zu stellen und im Rahmen einer stationären Schmerztherapie einen deutlichen Sprung in Richtung Heilung und Besserung anzugehen.
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Welchen Rat können Sie z. B. Menschen mit chronischen Rückenschmerzen geben?
Der erste Rat gilt für alle chronischen Schmerzpatienten: Geben sie sich nicht mit dem bisher Erreichten zufrieden, sondern arbeiten sie immer weiter an ihrer Genesung! Chronische Rückenschmerzen sind in aller Regel durch tgl. gezielte Bewegungsübungen, durch regelmäßige Anwendung von Entspannungsverfahren, einer intensiven ärztlichen Unterstützung beispielweise durch Spritzentherapie, Akupunktur, etc. und eventuell mit medikamentöser Unterstützung oft in den gut erträglichen Bereich zu senken oder ganz zu beseitigen. Die Vorstellung, dass am Rücken Veränderungen wie "Abnutzungen" oder Bandscheibenvorwölbungen die chronische Schmerzen bedingen und damit weitgehend unabänderlich machen, ist nachgewiesener Maßen falsch. Seien sie mit Operationen zurückhaltend. Die größte Besserung können sie durch eine intensive multimodale Schmerztherapie erreichen. Hier spielt insbesondere die so genannte Kathetertherapie eine führende Rolle.
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Heißt das, Bandscheiben-OPs können heute vermieden werden?
Bandscheibenoperationen können nicht immer vermieden werden. Sie stellen in ausgewählten Fällen eine sehr wertvolle und wichtige Möglichkeit dar, Schmerzen zu beseitigen und Nervenschäden zu vermeiden. Dem gegenüber stehen aber viele Fälle, in denen die Operationen keinen nennenswerten Erfolg bringen und sogar schlimmere und anhaltendere Schmerzen beispielsweise durch Narbenbildungen an der Nervenwurzel verursachen. Daher empfehle ich eine nicht ablehnende aber doch sehr kritische Haltung bzgl. einer Bandscheibenoperation. Sehr häufig ist eine intensive stationäre Schmerztherapie das geeignete Mittel, um die Schmerzen dauerhaft zu lösen, ohne das Risiko neuer und kaum noch zu behebender Folgeerscheinungen der Operation.
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Welche Tips haben Sie bei Kopfschmerzen?
Praktisch allen Kopfschmerzpatienten kann ich empfehlen, ein Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung zu erlernen und regelmäßig durchzuführen. Wichtig insbesondere für Migränepatienten ist ein regelmäßiger Lebenswandel und eine sinnvolle Art, mit Stresssituationen umzugehen. Auch ein regelmäßiges Ausdauertraining etwa 2x/Woche ist ausgesprochen hilfreich. Hier bieten sich Fahrrad fahren, Schwimmen, Laufen und Nordic Walking ganz besonders an. Üben Sie zudem, Grenzen zu setzen und schaffen Sie sich Räume, in denen Sie sich entspannen und zurückziehen können. Bei schwereren Formen scheuen Sie nicht den Weg in eine Schmerzklinik, in der Sie zusätzlich intensive Hilfestellungen und Therapien bekommen.
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In den letzten Jahren taucht ja generell immer mehr die Diskussion auf, dass chronische Schmerzen oft psychisch bedingt sein sollen. Ist das richtig?
Natürlich spielen psychische Faktoren bei chronischen Schmerzen eine ganz entscheidende Rolle. Das Zusammenspiel zwischen chronischen Schmerzen, Depression, Angst und Stress ist hinreichend belegt. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die gesellschaftlichen Lebensbedingungen, in denen wir uns alltäglich bewegen, einen erheblichen fördernden Einfluss auf die Schmerzsituation haben. Dieses bedeutet aber nicht, dass chronische Schmerzen grundsätzlich in einer psychosomatischen Klinik behandelt werden sollten oder allgemein als rein seelisches Phänomen abgetan werden sollten. Wenn wir das Wort Psychosomatik wirklich ernst nehmen, dann ist eine chronische Schmerzerkrankung immer eine Erkrankung, die Seele und Körper (Psyche und Soma) mit einbezieht. Daher sollte eine Behandlung auch immer beide Aspekte im Blickfeld haben.
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Darum offerieren wahrscheinlich führende Schmerzkliniken bei Bedarf grundsätzlich auch psychologische Konzepte als zusätzliche Unterstützung… . Was würden Sie abschließend jedem Schmerzpatienten empfehlen?
Ich kann nur jedem chronisch Schmerzkranken empfehlen, seine Erkrankung immer wieder in Frage zu stellen und nicht aufzugeben, hier optimale Behandlungsmöglichkeiten aufzusuchen. Diese bedeutet nicht, dass der Schmerz verleugnet werden sollte, sollte aber nicht akzeptiert werden in dem Sinne, dass man sowieso nichts tun kann. Um es in vier Worte zusammen zu fassen: "Geben sie nicht auf!"
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