18. Mai 2012 |
Medizin Interview doctorhelp.deChronische Schmerzen Interview Teil 2 Interview Dr. Martin Krumbeck im Gespräch
Welche weiteren Möglichkeiten gibt es denn?
In der modernen Schmerztherapie werden neben den Medikamenten eine ganze Reihe von Therapieverfahren eingesetzt, die auf eine ganzheitliche Behandlung des Menschen abzielen. Neben Spritzentherapie, Akupunktur, Infusionen und verschiedenen naturheilkundlichen Verfahren werden Krankengymnastik, physikalische Anwendungen, psychologische Therapien, Ergotherapie und sozialmedizinische Beratung angewandt. Man spricht dann von einer "Multimodalen Schmerztherapie".
Das ist natürlich ein sehr großes Spektrum. Wie findet ein Patient
da die richtige Therapie?
Ihre Frage suggeriert, dass ein chronisch Schmerzkranker mit einer
"richtigen Therapie" zum Ziel kommen kann. Dies ist in aller Regel
nicht so. Gerade die Kombination der Therapieverfahren ermöglicht
oft erst eine deutliche Besserung.
Ab wann empfiehlt sich denn eine stationäre Therapie?
Im Grunde ist eine frühzeitige Einbindung einer multimodalen stationären Schmerztherapie bei allen chronischen Schmerzerkrankungen sinnvoll. Zumindestens in unserem Gesundheitssystem ist eine ausreichende ambulante Versorgung mit den eben genannten Therapieverfahren und ihre Abstimmung untereinander nicht möglich.
Natürlich ist die stationäre Therapie nur eine Phase, ein Baustein, der durch ambulante Therapieverfahren ausgebaut werden kann.
Im Grunde merkt jeder Schmerzpatient selber, wann er ambulant sich nicht ausreichend betreut fühlt. Das ist der Moment, in dem er sich um eine stationäre Schmerztherapie bemühen sollte.
Ich kann nur allen chronischen Schmerzkranken Mut machen, ihr bisher erreichtes Ergebnis in Frage zu stellen und im Rahmen einer stationären Schmerztherapie einen deutlichen Sprung in Richtung Heilung und Besserung anzugehen.
Welchen Rat können Sie z. B. Menschen mit chronischen Rückenschmerzen
geben?
Der erste Rat gilt für alle chronischen Schmerzpatienten: Geben
sie sich nicht mit dem bisher Erreichten zufrieden, sondern arbeiten
sie immer weiter an ihrer Genesung! Chronische Rückenschmerzen sind
in aller Regel durch tgl. gezielte Bewegungsübungen, durch regelmäßige
Anwendung von Entspannungsverfahren, einer intensiven ärztlichen
Unterstützung beispielweise durch Spritzentherapie, Akupunktur,
etc. und eventuell mit medikamentöser Unterstützung oft in den gut
erträglichen Bereich zu senken oder ganz zu beseitigen. Die Vorstellung,
dass am Rücken Veränderungen wie "Abnutzungen" oder Bandscheibenvorwölbungen
die chronische Schmerzen bedingen und damit weitgehend unabänderlich
machen, ist nachgewiesener Maßen falsch. Seien sie mit Operationen
zurückhaltend. Die größte Besserung können sie durch eine intensive
multimodale Schmerztherapie erreichen. Hier spielt insbesondere
die so genannte Kathetertherapie eine führende Rolle.
Heißt das, Bandscheiben-OPs können heute vermieden werden?
Bandscheibenoperationen können nicht immer vermieden werden. Sie
stellen in ausgewählten Fällen eine sehr wertvolle und wichtige
Möglichkeit dar, Schmerzen zu beseitigen und Nervenschäden zu vermeiden.
Dem gegenüber stehen aber viele Fälle, in denen die Operationen
keinen nennenswerten Erfolg bringen und sogar schlimmere und anhaltendere
Schmerzen beispielsweise durch Narbenbildungen an der Nervenwurzel
verursachen. Daher empfehle ich eine nicht ablehnende aber doch
sehr kritische Haltung bzgl. einer Bandscheibenoperation. Sehr häufig
ist eine intensive stationäre Schmerztherapie das geeignete Mittel,
um die Schmerzen dauerhaft zu lösen, ohne das Risiko neuer und kaum
noch zu behebender Folgeerscheinungen der Operation.
Welche Tips haben Sie bei Kopfschmerzen?
Praktisch allen Kopfschmerzpatienten kann ich empfehlen, ein Entspannungsverfahren
wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung zu erlernen
und regelmäßig durchzuführen. Wichtig insbesondere für Migränepatienten
ist ein regelmäßiger Lebenswandel und eine sinnvolle Art, mit Stresssituationen
umzugehen. Auch ein regelmäßiges Ausdauertraining etwa 2x/Woche
ist ausgesprochen hilfreich. Hier bieten sich Fahrrad fahren, Schwimmen,
Laufen und Nordic Walking ganz besonders an. Üben Sie zudem, Grenzen
zu setzen und schaffen Sie sich Räume, in denen Sie sich entspannen
und zurückziehen können. Bei schwereren Formen scheuen Sie nicht
den Weg in eine Schmerzklinik, in der Sie zusätzlich intensive Hilfestellungen
und Therapien bekommen.
In den letzten Jahren taucht ja generell immer mehr die Diskussion
auf, dass chronische Schmerzen oft psychisch bedingt sein sollen.
Ist das richtig?
Natürlich spielen psychische Faktoren bei chronischen Schmerzen
eine ganz entscheidende Rolle. Das Zusammenspiel zwischen chronischen
Schmerzen, Depression, Angst und Stress ist hinreichend belegt.
Auch liegt die Vermutung nahe, dass die gesellschaftlichen Lebensbedingungen,
in denen wir uns alltäglich bewegen, einen erheblichen fördernden
Einfluss auf die Schmerzsituation haben. Dieses bedeutet aber nicht,
dass chronische Schmerzen grundsätzlich in einer psychosomatischen
Klinik behandelt werden sollten oder allgemein als rein seelisches
Phänomen abgetan werden sollten. Wenn wir das Wort Psychosomatik
wirklich ernst nehmen, dann ist eine chronische Schmerzerkrankung
immer eine Erkrankung, die Seele und Körper (Psyche und Soma) mit
einbezieht. Daher sollte eine Behandlung auch immer beide Aspekte
im Blickfeld haben.
Darum offerieren wahrscheinlich führende Schmerzkliniken bei Bedarf
grundsätzlich auch psychologische Konzepte als zusätzliche Unterstützung…
. Was würden Sie abschließend jedem Schmerzpatienten empfehlen?
Ich kann nur jedem chronisch Schmerzkranken empfehlen, seine Erkrankung
immer wieder in Frage zu stellen und nicht aufzugeben, hier optimale
Behandlungsmöglichkeiten aufzusuchen. Diese bedeutet nicht, dass
der Schmerz verleugnet werden sollte, sollte aber nicht akzeptiert
werden in dem Sinne, dass man sowieso nichts tun kann. Um es in
vier Worte zusammen zu fassen: "Geben sie nicht auf!"
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